Unabhängig davon, warum man Motorrad fährt, hat doch fast jeder Motorradfahrer in Europa die Idee, einmal ein ganz besonderes Abenteuer zu erleben, dazu gehört für viele eine Reise zum Nordkap.
Jedes Jahr treibt diese Idee tausende Motorradfahrer an, sich über die schmalen Landstraßen Skandinaviens, entlang der Fjorde, in Richtung Nordkap auf den Weg zu machen. Es ist eine lange und strapaziöse Reise, doch es ist eine Reise, die eigentlich jeder Motorradfahrer bewältigen kann. Eine Fahrt zum Nordkap gilt schon lange als eine Art „Schritt ins Erwachsenenalter“, der Tourenfahrer nur schwer widerstehen können.

Nicht jeder weiß allerdings, dass hinter dem Mythos Nordkap auch eine wahrhaft italienische Geschichte steckt. Eine Geschichte, die das Markenzeichen von Moto Guzzi trägt. Eine Erfolgsstory, die in diesem Jahr 90 Jahre alt wird. Die Geschichte handelt von Giuseppe Guzzi, dem Bruder des Firmengründers Carlo Guzzi. Sie berichtet von einem grandiosen, für die damalige Zeit revolutionären Motorrad, der Moto Guzzi G.T. 500. Mit dieser Maschine trat Giuseppe Guzzi zu einer Reise an, die für die damalige Zeit eigentlich als unmöglich galt.

Um die Geschichte zu erzählen, müssen wir euch zunächst mehr über Giuseppe Guzzi und seine Lebensweise berichten. Carlo Guzzis älterer Bruder trug den Beinamen „Naco“ – jeder in der Familie Guzzi hatte einen Spitznamen, Carlos war „Tai“. Giuseppe war ein begnadeter Techniker und Ingenieur. Nach seinem Studium als Bauingenieur entwarf er verschiedene Fabrikgebäude des Unternehmens und ein Kraftwerk, das das Werk in Mandello mit Wasserkraft versorgte. Auch der Entwurf des berühmten Moto Guzzi Windkanals, der nach 1950 fertiggestellt wurde, stammt aus seiner Feder.

Im Gegensatz zu seinem Bruder Carlo, der sich stets sehr aufgeschlossen und extrovertiert zeigte, war Naco ein eher stiller, nachdenklicher Mensch. Er liebte seine Arbeit als Designer und genoss es, ganz alleine in einem Büro in Mandello del Lario zu arbeiten. Er war dafür bekannt, dass er gerne mit freiem Oberkörper an seinem Zeichenbrett saß, da er Hitze nicht ertragen konnte. Deshalb erwartete er stets sehnlichst die Sommerferien, um ganz alleine, auf der Suche nach kühleren Gefilden, zu seinen Motorradtouren, in die Berge aufzubrechen.

Während Carlo Rennsport begeistert war, liebte Giuseppe Touren und Abenteuer. Jahr für Jahr ging er mit seiner Sport 13, die damals als Sport 500 bekannt war, auf immer längere, extremere Reisen. Die meist noch unbefestigten Straßen der damaligen Zeit beanspruchten die Technik seiner Moto Guzzi enorm, und so war er dazu gezwungen, sich unterwegs ganz auf seine Findigkeit und seine Fähigkeiten als Mechaniker zu verlassen.

Als er 1926 in den Karpaten unterwegs war, brach das Heck des Starrrahmens seiner sportlichen Maschine. Weit entfernt, sich davon entmutigen zu lassen, nahm Naco ein paar seiner Ersatzschläuche und spannte diese in einer Dreiecksverbindung, von den Endpunkten des starren Heckrahmenhecks, um die Stütze seines Sattels. Dank dieser Konstruktion schaffte er den Weg zurück nach Mandello. Sein Motorrad hatte nun allerdings keinen „Hard-Tail-Rahmen“ mehr. Die „Rahmenkonstruktion“ war etwas „flexibler“ – der korrekte Ausdruck wäre „federnd“ – geworden.
Als er in die Firma zurückkehrte, traf er seinen Bruder. Giuseppe wechselte mit Carlo nur einige wenige Worte in tiefstem „Mandello-Dialekt“. Doch seine Worte sollten schon bald für eine Revolution im Motorradbau sorgen. Er sagte nur: „Te set che la va mej insci.“ – was so viel bedeutet wie: „Weißt du was, das ist besser so“.

So kamen Carlo und Giuseppe Guzzi auf die Idee, ein Federungssystem zu entwickeln, durch das sich das Rahmenheck, unabhängig vom Rest des Rahmens, auf und ab bewegen ließ. Die Konstruktion war für die Motorradwelt dieser Zeit etwas vollkommen Neues. Zur damaligen Zeit standen Starrrahmen noch als Synonym für Sportlichkeit, eine Lösung, die allerdings nicht wirklich effizient war.
Giuseppe setzte sich an sein Zeichenbrett und entwickelte ein drehbar gelagertes Rahmenheck, das gegen vier Federn, die sich in einem Blechgehäuse unterhalb des Motors befanden, abstützte. Sobald die beiden weicheren Federn zusammengepresst waren, kamen die zwei stärkeren Federn ins Spiel. Es war die Geburt der G.T. 500 – der Gran Turismo.

Im Januar 1928 wurde die Maschine präsentiert. Sie war mit dem gleichen 500 cm³ Motor, mit gegenüberliegenden Ventilen, ausgestattet wie die Sport. Dazu hatte sie eine neue, im Rennsport erprobte Parallelogramm-Gabel mit drei Federn, Trommelbremsen, Ballonreifen sowie die erste drehbar gelagerte Hinterradschwinge auf dem Motorradmarkt.

Ein Jahr zuvor hatte eine andere große italienische Leistung in der Öffentlichkeit eine Welle der Begeisterung ausgelöst. Umberto Nobile und Roald Amundsen waren mit einem Heißluftballon namens „Norge“ über den Nordpol geflogen. Moto Guzzi entschied sich, dem neuen Motorrad den Beinamen „Norge“ zu geben. Dies war eine gute Werbeidee, die allerdings einige negative Presseartikel zur Folge hatte, die durch einige Wettbewerber von Moto Guzzi lanciert waren. Darin wurde Moto Guzzi beschuldigt, die Popularität der von Nobile erbrachten Leistung unlauter auszunutzen.
Neben den negativen Pressestimmen wurde die G.T. 500 in der Öffentlichkeit nur zögerlich angenommen, weil man noch Zweifel bezüglich des „flexiblen“ Rahmens hegte.

Aus diesem Grunde wollte Naco im Sommer 1928 seine Reputation einbringen. Er entschied sich zu einem außergewöhnlichen Abenteuer, das noch extremer sein sollte als alles, was er bereits vorher unternommen hatte. Sein Ziel war es, mit der Maschine eine Art Dauertest zu absolvieren. Er wollte die Route nachfahren, die Nobile mit dem gleichnamigen Heißluftballon zurückgelegt hatte. So wollte er allen beweisen, dass die neue G.T. 500 nicht nur zuverlässig und wettbewerbsfähig war, sondern auch würdig, den Namen „Norge“ zu tragen.

Die Maschine, die er für dieses Projekt nutzte, war eine G.T. 500. Genau die „Sport“, mit der Naco 1926 trotz Rahmenbruchs nach Mandello zurückgefahren war. Sie war seitdem allerdings auf den neuesten Stand der Technik gebracht worden und verfügte über alle Komponenten der Gran Turismo-Modelle. Darüber hinaus wurde sie für seine Reise mit speziellem Zubehör ausgerüstet. Ein Metallrohr für die Landkarten war unterhalb des Scheinwerfers montiert. Sie hatte einen Seitenkoffer aus Metall und einen stabilen Ständer, der von beiden Seiten des Fahrzeugs bedient werden konnte.

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